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„Sich Zeit nehmen und den Frauen Sicherheit geben“

Einige Frauen sitzen beieinander und hören einer anderen Frau zu.
Vertrauen entsteht vor allem in der persönlichen Beratung. / Copyright: Shutterstock

„Sich Zeit nehmen und den Frauen Sicherheit geben“

Die Rückkehrberatung von Frauen, die Not und Gewalt erlebt haben, stellt besondere Anforderungen an Beraterinnen und Berater. Die Organisation SOLWODI („Solidarity with Women in Distress“), Partnerin der GIZ, berät und begleitet schon seit 1985 Frauen, die etwa Menschenhandel, Zwangsprostitution oder Beziehungsgewalt erfahren haben. Charlotte Becker, Anna Evdokunin und Aferdita Salihu von der Koordinierungsstelle des SOLWODI-Rückkehr- und Integrationsprojekts in Mainz geben Tipps zu den wichtigsten Fragen bei der Beratung.

Wie schafft man im Erstgespräch ein vertrauensvolles Klima?

Eine solide Vertrauensbasis lässt sich nur im persönlichen Kontakt herstellen, so die Erfahrung der Beraterinnen von SOLWODI – ein Telefon- oder Online-Gespräch sei dafür kein Ersatz. „Gerade Frauen, die Schlimmes erlebt haben, sind am Telefon oft sehr misstrauisch. Wenn man einander gegenübersitzt, entwickelt man ein viel besseres Gespür für die andere Person“, sagt Anna Evdokunin. Kinder sollten beim Erstgespräch möglichst nicht dabei sein, weil ihre Mütter dann über bestimmte Erlebnisse nicht sprechen. Wenn eine Übersetzung notwendig ist, empfiehlt Aferdita Salihu, eine Dolmetscherin hinzuzuziehen: „Viele Frauen sprechen mit männlichen Dolmetschern weniger offen, weil das Leid, das sie erfahren haben, von Männern verursacht wurde.“

Ebenfalls wichtig: Von Anfang an sollten die Beraterinnen und Berater deutlich machen, dass das Ergebnis der Gespräche nicht schon feststeht und die Klientin nicht sofort eine Entscheidung treffen muss. „Viele haben Ängste und Vorbehalte, weil sie die Beratung als ersten Schritt zur Ausreise wahrnehmen“, erklärt Charlotte Becker. „Es ist wichtig herauszufinden, in welchem Stadium des Entscheidungsprozesses sich die Klientin befindet und was ihre Wünsche und Bedürfnisse sind, bevor konkrete Unterstützungsangebote vorgestellt werden. Beraterinnen und Berater sollten sich Zeit nehmen und den Frauen so die Sicherheit geben, dass sie wirklich für sie da sind.“

Was ist zu beachten, wenn Erfahrungen von Gewalt oder Ausgrenzung zur Sprache kommen?

Einerseits brauchen Beraterinnen und Berater viele Informationen, um die Situation der Frauen einschätzen zu können. Andererseits besteht die Gefahr, durch Fragen Grenzen zu verletzen. „Man muss deutlich machen, dass es sich nicht um ein Verhör handelt, sondern dass man bestimmte Informationen benötigt, die für die Zukunft der Klientin relevant sind – etwa ob nach der Rückkehr eine Gefährdung besteht“, erklärt Charlotte Becker. „Über sehr schambesetzte Themen, beispielsweise sexuelle Gewalt oder Beschneidung, möchten viele Frauen nicht sprechen. Es ist auch nicht erforderlich, alle Einzelheiten zu erfahren, oft genügt eine Andeutung als Hintergrundinformation.“

Wenn Frauen beim Erzählen von Emotionen überwältigt werden, sollten Beraterinnen und Berater geduldig und verständnisvoll reagieren, die Betroffenen aber „nicht mit Mitleid überschütten“, betont Aferdita Salihu. Das sei kontraproduktiv, weil man die Klientin so auf eine passive Opferrolle festlege und damit schwäche. „Es geht darum, sie zu stärken. Den Frauen sollte vermittelt werden, dass sie schon sehr viel geschafft haben – trotz allem, was sie durchmachen mussten – und dass sie noch mehr schaffen können.“ Diese Haltung entspreche dem Grundkonzept der Rückkehrberatung: den Menschen nicht alles abzunehmen, sondern sie einzubinden und etwa zu ermutigen, im Herkunftsland aktiv nach Weiterbildungsmöglichkeiten, einer Wohnung und Schulen zu suchen. SOLWODI unterstützt sie dabei und achtet in Kooperation mit Partnerorganisationen darauf, dass es sich um verlässliche und seriöse Angebote handelt.

In emotionalen Gesprächssituationen helfe oft auch der Hinweis, dass die Frau mit ihren Erfahrungen nicht allein sei, dass viele andere ähnliche Schicksale erlebt und gemeistert hätten, ergänzt Anna Evdokunin. „Wenn man dann die konkreten Unterstützungsmöglichkeiten aufzeigt, hilft das, nach vorn zu schauen.“ Grundsätzlich sollte der Fokus der Gespräche nicht auf den negativen Erfahrungen der Vergangenheit, sondern auf der Zukunftsplanung liegen.

Wie kann man den Frauen begründete Zuversicht für die Zeit nach der Rückkehr vermitteln?

Um realistische Pläne entwickeln zu können, müssen vorhandene Kenntnisse und Fähigkeiten sorgfältig erfragt werden. „Oft sind den Frauen ihre eigenen Kompetenzen gar nicht bewusst, weil sie nie Anerkennung dafür bekommen haben“, sagt Charlotte Becker. Und: Viele Klientinnen glaubten, sie könnten es sich nicht leisten, etwas Neues anzufangen oder zu lernen. „Wenn sie aber erfahren, dass sie zum Beispiel für die Dauer einer Aus- und Weiterbildung einen Zuschuss zum Lebensunterhalt bekommen können, schöpfen sie Hoffnung und ändern ihre Einstellung oft.“

Die Auswahl der Organisation, die die Klientin während des Reintegrationsprozesses unterstützt, müsse zu deren Selbstwahrnehmung passen, betont Becker: „Es gibt beispielsweise in mehreren Ländern Nichtregierungsorganisationen, die sich gezielt um Betroffene von Menschenhandel kümmern. Wenn die Klientin sich aber selbst nicht als Betroffene sieht, muss dies respektiert und eine andere Organisation gewählt werden.“ Sehr hilfreich sei es, noch vor der Ausreise einen persönlichen Kontakt zu der Organisation herzustellen: „Wenn sich die Frau schon mit der Ansprechperson austauschen und Vertrauen aufbauen konnte, gibt das sehr viel Sicherheit“, sagt Aferdita Salihu. 

In der Beratung sollten die Arbeitsmarktchancen und die Situation im Herkunftsland nicht zu rosig dargestellt werden. Wenn Beraterinnen und Berater zu viel versprächen, fördere das nur Misstrauen, so Salihu. „Die Frauen wissen durchaus, dass die Lage in ihrem Land weiter schwierig ist und die patriarchalen Strukturen nicht verschwunden sind – das reden wir nicht weg.“

Welche Weiterbildungen sind besonders nützlich, um Frauen gut beraten zu können?

Kurse in interkultureller Kommunikation sind immer hilfreich. In vielen Kulturen sei es beispielsweise nicht üblich, dass Frauen nachfragen oder gar widersprechen, erklärt Anna Evdokunin. „Sie lächeln und nicken, auch wenn sie nichts verstanden haben. Wer das als Beraterin oder Berater nicht weiß, denkt, dass alles geklärt wäre. Oft ein Irrtum!“ 

Worauf sollten Männer, die Rückkehrerinnen beraten, besonders achten?

Viele Frauen reagieren sensibel auf körpersprachliche Signale männlicher Dominanz. Berater sollten deshalb besonders auf ihre Mimik und Gestik achten, sagt Aferdita Salihu. „Sie sollten nicht die Arme verschränken oder sie hinter dem Rücken verstecken.“ Wichtig sei aktives Zuhören: Statt einen Fragenkatalog abzuarbeiten, sollten Berater die Klientin erzählen lassen und sie auch bei Abschweifungen nicht sofort unterbrechen. Solche Umwege seien für die Frauen oft nötig, um eine Antwort auf die gestellte Frage zu finden. Grundsätzlich gilt: Rückkehrberatung braucht Zeit.

Stand: 10/2021

 

Bei Fragen zur Beratung von Frauen sowie zu länderkundlichen Themen können Rückkehrberaterinnen und -berater auf die Expertise und das Netzwerk von SOLWODI zurückgreifen. Außerdem führt SOLWODI regelmäßig Tagungen zum Thema Rückkehr und Reintegration sowie zu ganzheitlicher Beratung durch. Weitere Informationen: www.solwodi.de.

 

„Es geht darum, die Frauen zu stärken. Ihnen sollte vermittelt werden, dass sie schon sehr viel geschafft haben – trotz allem, was sie durchmachen mussten – und dass sie noch mehr schaffen können.“
Aferdita Salihu

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