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Das Trauma besiegen und Hoffnung schöpfen

Eine Frau blickt in die Kamera.
Cynthia will nun auch ihre beruflichen Träume verwirklichen.

Das Trauma besiegen und Hoffnung schöpfen

Cynthia ist 42 Jahre alt. Sie gehört zu den rund 24.000 Mauretanierinnen und Mauretaniern, die 1989 in Senegal Zuflucht suchten. Als damals der Grenzkrieg zwischen den beiden Ländern ausbrach, war ihre Familie gezwungen, Mauretanien zu verlassen. „Zu jener Zeit war ich zehn Jahre alt“, sagt Cynthia. Szenen von Tötungen und Vergewaltigungen, die sich während des Grenzkonflikts vor ihren Augen abspielten, kann sie bis heute nicht vergessen.

Als junge Frau versuchte sie immer wieder, sich in Senegal ein stabiles Leben aufzubauen. Sie arbeitete als Kellnerin und verkaufte Kleidung. Doch nach einem Verkehrsunfall musste sie all ihr Erspartes für die medizinische Versorgung ausgeben. Zehn Monate lang konnte sie nicht arbeiten. Sie war verzweifelt. Über Bekannte erfuhr sie von einem Beratungszentrum des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) in Dakar, das Geflüchtete unterstützt. Das Zentrum vermittelte Cynthia im Februar 2020 an das „House of Hope“.

Das Erlebte Schritt für Schritt aufarbeiten

Die Einrichtung ist ein Partner des Programms „Perspektive Heimat“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Sie arbeitet eng mit dem Deutsch-Senegalesischen Zentrum für Jobs, Migration und Reintegration (CSAEM) zusammen, das die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) betreibt. „Menschen auf der Suche nach psychologischer Beratung vermitteln wir gern an die professionellen Beraterinnen und Berater des House of Hope“, sagt Abdourahmane Idaly Kamara, Leiter des CSAEM.

 

Der Fokus der Beratung liegt auf Psychotraumatologie, das heißt: Die Menschen arbeiten traumatische Erfahrungen auf. „Die Basis der Therapie bildet ein Verfahren, bei dem man mit seinem Trauma konfrontiert wird – die sogenannte Narrative Exposure Therapy, kurz NET“, sagt Ndella Faye, Beraterin und Therapeutin beim House of Hope. „Die oder der zu Beratende erzählt zunächst in chronologischer Reihenfolge seine Lebensgeschichte. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den negativen Erfahrungen, aber auch positive Erlebnisse werden wieder ins Gedächtnis gerufen.“

Zwei Frauen sitzen sich gegenüber und sprechen miteinander.
Cynthia im Gespräch mit ihrer Beraterin.

Kooperation mit Fachleuten in Deutschland

Kooperationspartner des House of Hope ist das Kompetenzzentrum Psychotraumatologie der Universität Konstanz in Deutschland: Nach dem Prinzip „Train the trainer“ qualifiziert das Zentrum Menschen in Senegal, die Therapien durchzuführen. Auch die studierte Soziologin Faye hat diese Ausbildung abgeschlossen.

Sie hieß Cynthia im House of Hope willkommen und half ihr, mit der NET-Methode ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Die Therapien werden zunächst für drei Monate angesetzt, jede Woche findet eine Sitzung statt. Dann wird entschieden, ob weitere Gespräche nötig sind. „Je nachdem, was bei den Erzählungen offengelegt wird, entscheiden die Beraterinnen und Berater, ob die Menschen weiterhin vom House of Hope unterstützt werden können oder ob sie an ein psychiatrisches Zentrum verwiesen werden“, erklärt Faye.

„Ich wusste, dass ich mit meiner schwierigen Vergangenheit nicht alleine fertig werden konnte“, sagt Cynthia. Kurz vor Beginn der Corona-Pandemie fing sie deshalb eine Therapie im House of Hope an. „In den Sitzungen konnte ich mein Selbstbewusstsein langsam wieder aufbauen. Mir geht es mittlerweile wirklich viel besser.“ Die Therapie hat sie erfolgreich beendet.

Beratung auch während der Pandemie

Cynthia ist eine von vielen, die das House of Hope auf dem Weg zu mehr psychischer Gesundheit unterstützt: 2019 waren es 225 Personen, im vergangenen Jahr 186. Die Zahl ist im ersten Jahr der Pandemie also nur leicht gesunken. Die Beratung musste für kurze Zeit ausgesetzt werden, lief dann aber virtuell oder – unter Einhaltung strenger Hygieneregeln – persönlich im House of Hope weiter. So musste auch Cynthia ihre Therapie trotz der Kontaktbeschränkungen nicht unterbrechen.

 

Sie hat sich nun bereits eine neue Herausforderung gesucht: Sie möchte die senegalesische Staatsbürgerschaft beantragen, denn sie fühlt sich in dem Land mittlerweile zu Hause: „Ich lebe schon mehr als 30 Jahre hier und kenne Senegal besser als Mauretanien.“ Cynthia schaut nach vorn und hat einen Traum: Sie will ein eigenes Unternehmen aufbauen – was genau das sein könnte, überlegt sie noch.

Stand: 09/2021

Ich wusste, dass ich mit meiner schwierigen Vergangenheit nicht alleine fertig werden konnte.
Cynthia